Warum ich von Herzen gerne Trauersängerin bin

Heute möchte ich Euch etwas über meine Geschichte erzählen. Habt Ihr Geschwister? Man kennt und liebt sich ein ganzes Leben lang. Vor ein paar Monaten haben wir auch den Tod gemeinsam gesehen. Wir mussten unsere liebe Mama im Dezember gehen lassen.

Bleistiftzeichnung Petra BerghausEinige Jahre hat sie sich um meinen dementkranken Vater gekümmert. Es wurde immer anstrengender und belastender für sie. Sie hat selten um Hilfe gebeten und sich immer stärker zurückgezogen.

Kurz vor der Diagnose hatte ich ein komisches Gefühl. Ich war gerade im Ausland und telefonierte mit ihr. Ich sagte ihr, ich käme in einer Woche zurück. Sie sagte: „Ich dachte, du kommst schon dieses Wochenende.“ Sie klang verzweifelt. Ich machte mir große Sorgen um ihren Gesundheitszustand. Sie hatte im letztes Jahr sehr viel abgenommen. Konnte nicht gut essen. „Was hat denn der Arzt gesagt?“ haben meine Schwester und ich oft gefragt. „Bei mir ist alles in Ordnung! Blutwerte sind ok.“ Meine Zweifel wurden immer lauter, dass etwas nicht stimmt. „Wenn ich zurückkomme, gehen wir bitte sofort gemeinsam zum Hausarzt, ok?“, fragte ich sie noch am Telefon. Sie bejahte dankbar.

Eine Woche später sitzen wir im Warteraum. Ich habe kein gutes Gefühl. Der Hausarzt ruft uns ins Sprechzimmer.
Ich darf für sie sprechen und sage, etwas könne nicht stimmen, meine Mutter hätte so viel abgenommen und sie ist in einem sehr schlechten Allgemeinzustand. Das könne nicht nur an der Pflege ihres Mannes liegen. Er schaut sie eindringlich an. Ganz so, als sähe er sie zum ersten Mal. Dabei ist es der Hausarzt seit vielen Jahren. „Ich überweise sie direkt ins Krankenhaus.“ Ach, jetzt so plötzlich? Liegt es daran, dass ich dabei bin und sehr vehemt um Hilfe bitte?

Einen Tag später fahren wir zur Notaufnahme. Sie kommt sofort dran. Der Arzt bittet sie, sich freizumachen, damit ein Ultraschall gemacht werden kann. Ich darf im Raum bleiben. Als sie in ihrer Unterwäsche auf dem Untersuchungsbett liegt, bekomme ich einen Schreck. Sie ist so dünn. Erschreckend dünn. Sie hat sich mehrere Pullover übereinander gezogen, damit es nicht so auffällt. Nur keinem Sorgen machen.

Nach der Untersuchung rät der Arzt, dass meine Mutter im Krankenhaus verbleibt. Er gibt noch keine Diagnose, aber einige Tage später sagt er mir, er hätte den Krebs schon im Ultraschall gesehen. Der Krebs war NICHT zu übersehen.

Am nächsten Tag bekomme ich einen Anruf von meiner Mutter aus dem Krankenzimmer. „Ich habe Speiseröhrenkrebs. Jetzt ist es raus. Wir müssen da jetzt alle durch.“ Ich bin gerade in der Küche, versuche ruhig zu bleiben und beruhigende Worte zu finden. Es wird bestimmt wieder. Du bist jetzt in guten Händen. So oder etwas ähnliches habe ich vermutlich gesagt. Alles läuft wie in Zeitlupe ab. Ich lege auf und verspreche, mit meiner Schwester so bald wie möglich zu ihr ins Krankenhaus zu kommen. Anschließend schreie ich laut. So laut ich kann. Es ist ein Schrei, den ich von mir noch nicht kannte. Sehr lange, sehr laut, bis ich ganz erschöpft bin. Danach fühle ich mich taub und leer. Ich rufe meine Schwester an. Wir weinen beide am Telefon.

Im Krankenhaus erwartet sie uns schon. Sie ist kämpferisch, tapfer, mutig, stark. Sie sagt, wir bräuchten nicht weinen. An diesem Tag haben wir noch Hoffnung. Der nächste Tag zerstört alles. Sie hat nachts einen Schlaganfall. Obwohl sie ihn selbst bemerkt und die Schwester ruft, ist das Ausmaß ernüchternd. Sie ist und bleibt halbseitig gelähmt. Gestern wollte sie mit uns noch einmal auf ihre Lieblingsinsel Sylt. Heute gibt es keine Wünsche mehr. Der Traum ist aus.

Die Ärztin ruft mich morgens an: „Ihre Mutter hatte einen schweren Schlaganfall. Eine Therapie kann bis auf weiteres nicht eingeleitet werden. Es sieht schlecht aus.“ Diesmal schreie ich nicht. Ich weine leise und denke daran, dass ich diese niederschmetternde Diagnose nun meiner Schwester mitteilen muss. Es zerreisst mir das Herz.

Gestern wollte sie mit uns noch einmal
auf ihre Lieblingsinsel Sylt.
Heute gibt es keine Wünsche mehr.
Der Traum ist aus.

Zwei Wochen später

Mittlerweile gibt es keine Hoffnung mehr. Das Krankenhaus bittet uns, nach einem Hospizplatz zu suchen. Wir haben Glück im Unglück. In Solingen darf sie noch 3 wundervolle, behütete Wochen verbringen. „Ist das nicht wunderschön hier?“, fragt sie immer. Ein eigenes Zimmer mit Terrasse. Da stört es auch nicht, dass sie weiterhin halbseitig gelähmt ist und nicht mehr laufen oder eigenhändig essen kann. Die Schwestern und Pfleger kümmern sich rührend. Ich singe viel mit der Ukulele. Meine Schwester macht fantastische Gedankenreisen. Wir nehmen sie mit nach Sylt, spüren den Sand unter unseren Füßen und die Sonne auf der Haut. Sie ist nur noch Haut und Knochen. Aber wir sehen das nicht. Für uns ist sie die schönste Mama der Welt. Reine Liebe. Wir verbringen so viel Zeit gemeinsam. Jeden Tag. Wir singen, reden, lachen und weinen. Es ist unsere schönste und schrecklichste Zeit zugleich. Weihnachten verbringen wir schöne Stunden mit Ihr. Heiligabend feiern wir gemeinsam mit den Mitarbeitern im Hospiz und anderen Erkrankten und deren Angehörigen. Ich singe und begleite mit meiner Ukulele einige Lieder. Wir vergessen alle für einen kurzen Moment, dass wir uns in einem Hospiz aufhalten und das viele im Raum das nächste Weihnachtsfest nicht mehr erleben werden.

Abschied mit Musik im Hospiz Solingen Am 31.12. hört ihr Herz auf zu schlagen. Fünf Wochen nach der ersten Diagnose im Krankenhaus. So wenig Zeit. Sie schläft einfach in unseren Armen ein. Meine Schwester und ich halten sie fest. Der letzte Atemzug ist ganz leise und sanft. Sie schaut aus ihren großen, meerblauen Augen in Richtung Zimmerdecke. Die Schwester sagt zu uns:“Sie lächelt mit den Augen. Ich kann das sehen“. Wir glauben ihr, denn sie hat schon viele Menschen gehen sehen.

Die Frage nach dem „warum“ macht mich bis heute noch oft verrückt. Ich weiß, dass man sich das nicht fragen sollte. Es gibt kein „warum“, oder? Was bleibt? Ich bewundere meine Mutter sehr. Sie hat es uns leicht gemacht. Sie ist friedlich und ohne Schmerzen gegangen. Sie hat mir die Angst vor meinem Tod genommen.

In den letzten Tagen vor ihrem Tod hat sie mich gefragt: „Singst du auf meiner Beerdigung?“ Ich hab spontan gesagt:“Natürlich!“ Aber ein paar Sekunden später habe ich gedacht: „Oh Gott, das schaffe ich nie!“

Am 15. Januar stehe ich in der Kirche mit dem Mikrofon in der Hand. Ich atme tief durch und spüre eine Wärme und Liebe in meiner Nähe. Ich weiß, dass ich es schaffen werde. 4 Minuten später ist der Song zu Ende und eine Magie ist in der Kirche zu spüren. Meine Mutter war da, sie hat zugehört und ist stolz und glücklich. Ich auch. Man kann viel mehr, als man denkt.

Seitdem bin ich von Herzen gerne Trauersängerin. Der Gesang kann so tröstend sein und in der tiefsten Trauer helfen. Die Angehörigen sagen mir dies oft nach einer Trauerfeier und ich spüre ihre Trauer und ihren Schmerz,  aber auch ihre Dankbarkeit. Ich bin glücklich, dass ich für Menschen in diesem einen, besonderen Moment singen darf. DANKE!

Mamas Abschiedssong anhören: Der letzte Koffer (Piano: Klaus Klaas)

Songtext „Der letzte Koffer“ (von Purple Schulz)

Mach es dunkler und schließ die Tür und leg dich einfach her zu mir,
kühl meine Stirn sei leis und sacht und lass mich nicht allein heut Nacht.
Vielleicht ist es zu früh doch passend kommt es nie.
Vielleicht bist du noch nicht so weit doch für mich wird’s langsam Zeit.

Begleite mich bis zu dem Moment wo alles sich von allem trennt,
um schließlich wieder dort zu sein an diesem Ort, den niemand kennt.
Ich geh nur rüber mehr ist es nicht, hab keine Angst sei stark.
Lass dir die Zeit und wein um mich und dann leb jeden Tag.

Ich werde nun auf die Reise geh’n, mein letzter Koffer der bleibt hier steh’n. 
Denn da ist mein ganzes Leben drin, ich lass es hier dann macht es Sinn.
Mach die Fenster und Türen auf, etwas zieht mich dort hinauf,
da will ich sein, mehr gibt es nicht. Ich geh‘ nun heim, ich geh ins Licht.

Begleite mich bis zu dem Moment, wo alles sich von allem trennt.
ich geh nur rüber mehr ist es nicht.

1 Kommentar zu „Warum ich von Herzen gerne Trauersängerin bin“

  1. Christiane Dörr

    Liebe Frau Berghaus,
    am Freitag haben Sie mit Ihrem schönen Gesang dazu beigetragen, dass wir sehr gefühlvoll von unserem Vater Abschied nehmen konnten.
    Ihre beiden Lieder in der Kapelle haben uns sehr getröstet und das gemeinsame Singen am Grab hat allen Trauergästen gut gefallen. Unser Vater hätte sich sehr gefreut, dies zu sehen. Wir empfehlen Sie immer gerne weiter und bedanken uns nochmal ganz herzlich bei Ihnen.
    Alles Gute für Sie, liebe Grüße von Christiane, Dorothee und Kathi

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